Zum Sonntag Palmarum am 05.04.2020

von Pfrin. Dr. Heidi Buch

Liebe Gemeindeglieder,

liebe Leser und Leserinnen,

nein, es ist nicht alles abgesagt!
„Die Sonne ist heute und morgen nicht abgesagt!“ Und vieles mehr ist auch nicht „abgesagt“.

Und ich freue mich in dieser Zeit ganz besonders über jeden und jede mit dem und mit der ich ein paar Worte auf der Straße wechseln kann. Die Begegnungen sind intensiver, offener und freundlicher als noch vor kurzer Zeit. Die Beziehungen und die Freundlichkeit ist auch nicht abgesagt.

Und wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie und Ihre Familien sind wohl auf!
Und was die Zukunft angeht, so ist die Hoffnung nicht abgesagt.

Und wieder haben wir einen Sonntag ohne Gottesdienst vor uns. D.h. - natürlich finden Sie einen Gottesdienst im Radio, Fernsehen, im Internet. Doch in unserer Stadtkirche werden sich nur einzelne Beter und Beterinnen einfinden.

Und doch: Wir feiern den Palmsonntag, Palmarum, den Beginn unserer Karwoche.

Gebet

Umjubelt und dann fallen gelassen,
stürmisch gefeiert und dann verstoßen -
so gehst du, Jesus, den Weg des Gehorsams.
Du setzt dich nicht gewaltsam durch.
Du stehst für uns ein bis zum Tod am Kreuz.
Lass uns still werden vor dir
und den Frieden empfangen, den du gibst.
AMEN.

Palmsonntag: 

Einzug Jesu in Jerusalem auf einem Esel, begleitet von einer jubelnden Menge. So beginnt die Karwoche, der Weg Jesu ins Leiden. Oft ins Bild gesetzt wurde diese Szene; und sie wird bis heute begleitet von Symbolen – vor allem in der katholischen Kirche. Palmzweige damals, heute Palmkätzchen oder Zweige vom Buchsbaum werden zu Zeichen von Frühling und Hoffnung auf Veränderung.
In Prozessionen zum Palmsonntag wird in manchen Gegenden ein hölzerner Esel mitgeführt, Sinnbild und Zeichen der Armut und Machtlosigkeit.
Ein Sonntag reich an Zeichen und Brauchtum. Doch manchmal vergessen scheint seine Botschaft, die sich zu Beginn der Adventszeit wiederholt.
Das Evangelium vom Einzug nach Jerusalem gehört von alters her auch zum 1. Advent. Jesu Geburt und sein Leiden verbinden sich, weil Gott der Raum in dieser Welt bestritten wird: kein Raum in der Herberge von Bethlehem - wachsam werden, wo wir Gott keinen Raum in unserem Leben geben.
Palmsonntag – den Weg gehen mit Jesus hinauf nach Jerusalem - bewusst einziehen in den Raum, in dem Gottes Einzug in die Welt gefeiert wird.

Psalm 24, 1-7

Kreuz

© original_clipdealer.de

Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt
in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
Denn er hat ihn über den Meeren gegründet
und über den Wassern bereitet.
Wer darf auf des Herrn Berg gehen,
und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
Wer unschuldige Hände hat
und reinen Herzens ist,
wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug
und nicht falsche Eide schwört:
der wird den Segen des Herrn empfangen
und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.
Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt,
das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt
in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
(Mt. 21,9; Ps. 24,1-7)

Text: David Denicke 1646 nach Cornelius Becker 1602; Strophe 7 Lüneburg 1652 Melodie: um 1358, Hamburg 1598, Hannover 1646

Evangelium für den Palmsonntag (Joh. 12,12-19)

Der Einzug in Jerusalem

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde,
13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien:

Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!
14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9):
15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«
16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte.
17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat.
18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.
19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Heute Hosianna - morgen kreuzige ihn. Sind es dieselben Menschen, ist das menschliche Herz so wankelmütig? Es ist nicht sicher, ob der Jubelruf und der Hassgesang aus den gleichen Kehlen kommen.

Da gibt es Menschen, die das begeisterte Hosianna als Bedrohung erleben. Dieser Jesus kam ja nicht als einsame, tragische Gestalt auf einem Esel dahergeritten. Er konnte begeistern, Menschen in seine Nachfolge ziehen. Davor musste man sich fürchten. Es galt alle Kräfte aufzubieten, um diesen verhängnisvollen Ruf nach Hilfe und Befreiung zum Verstummen zu bringen. Noch klingt der Stadt das "Hosianna" in den Ohren. Noch trägt die Vorstellung, Gott habe den Retter gesandt, eine unkalkulierbare Gefahr in sich. Darum gilt es, diesen Menschen kleinzumachen, zu erniedrigen. Und darum muss man diejenigen, die von den Mächtigen abhängig sind, mobilisieren und durch ihren Mund das Todesurteil fordern lassen Der Zufall hilft mit durch Verrat.

Ein teuflisches Spiel mit der Macht, das die Machtlosigkeit Gottes beweisen soll. Das "Kreuzige" gellt so laut, dass der Hosianna-Ruf wie ein Echo aus ferner Zeit verhallt. Er erstirbt auch denen auf den Lippen, die die Wahrheit erkannt haben. Doch das ist nicht das Ende einer Woche, die mit dem Palmsonntag beginnt. Jesus Weg ins Dunkel war ein Weg ins Licht. Im Geschlagenen, im Verachteten war Gott ganz nah. Nur wenige erkannten das - wie die Frau, die den Todgeweihten wie einen König salbte, damals - und heute?

Fürbitten

Du, unser Gott, was wir bisher weit weg von uns glaubten hat uns erreicht:
ein Virus, das so bedrohlich ist,
dass es die gewohnte Ordnung im Land durcheinanderbringt
und unser Leben spürbar einschränkt.
Viele von uns haben Angst vor dem, was noch werden kann.

Viele wissen nicht, wie sie schaffen sollen,
was nun verlangt ist.
Viele bangen um ihre wirtschaftliche Existenz.

Gott, alles ist so ungewohnt, und wir können nicht einmal mehr zusammenkommen, um uns im Gottesdienst stärken zu lassen.
Wir denken an die Infizierten,
die in Quarantäne warten,
was auf sie zukommt.
Lass sie den Beistand erhalten,
den sie brauchen.

Wir bitten dich für die Erkrankten,
die um ihr Leben kämpfen müssen:
Halte deine Hand schützend über sie
und bewahre denen,
die sie behandeln und die sie pflegen
ihre Kraft und Menschlichkeit.

Wie gut, dass so Viele ihr Wissen einsetzen, um das Virus zu bekämpfen:

Lass ihre Erkenntnisse allen Menschen zugutekommen, und gib denen, die jetzt entscheiden müssen, wie es weitergeht, Weisheit, Mut und einen Blick für die,
deren Leben sich dadurch ändert.

Gott, stärke den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft,
weite unseren Blick für die, die uns gerade jetzt brauchen,
und lass uns über die Sorge um das eigene Leben
nicht die vergessen, die schlimmer dran sind,
die keine Hilfe erfahren,
die an den Grenzen Europas um ihr Überleben kämpfen.
Bring uns in dieser Krise zur Einsicht für das, was im Leben wirklich zählt,
und weck in uns Kräfte zum Guten.
AMEN.

Es segne uns, Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. AMEN.