Zum Sonntag Lätare am 22.03.2020

Liebe Gemeindeglieder, liebe Leser und Leserinnen, 

ausgerechnet „Lätare“ – „Freut euch“ heißt dieser denkwürdige Sonntag am 22. März 2020.  Freut euch? Die Schulen und Kindertagesstätten sind geschlossen, viele von uns arbeiten im Homeoffice, die sozialen Kontakte sind auf ein Minimum reduziert – eine Ausgangssperre droht. Familien müssen ihre Kinder „bei der Stange halten“, darum kämpfen, dass die Hausaufgaben gemacht werden oder doch Oma und Opa um die Betreuung bitten, weil es einfach nicht anders geht. Wir lesen von Infizierten, Krankenhäusern, Ärzten, Schwestern und Pflegern, die sich auf den Ernstfall vorbereiten und mit Sorge auf die nächsten Tage blicken.

Gebet

Du, mein Gott, ich komme heute zur dir, mit allem, was mich ängstigt und das Herz schwer macht, mit allem, was mir Sorge bereitet und mich zum Nachdenken bringt. Ich breite meine Ängste und meine Zweifel und diese ganze Ungewissheit  vor dir aus, - ja, weil ich mich zu dir halte. Nimm mein Gebet und nimm mich und meine Nächsten gnädig an.  Durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Psalm 13

Kreuz

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Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?

Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?

Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängsten in meinem Herzen täglich?

Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?

Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott!

Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,

dass nicht mein Feind sich rühme, er sei meiner mächtig geworden,

und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.

Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist; mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.

Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.

Gibt es Grund zur Freude? In Zeiten der Corona-Krise? Freuet euch! Ruft uns der Prophet Jesaja an diesem Sonntag entgegen. Lätare! Freue dich! Diese Verse am Ende des Jesajabuches haben dem 4. Sonntag in der Passionszeit den Namen gegeben.  Lesen Sie selbst: 

Jes. 66,10-14 10

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. 

Jesaja verkündet mit großartigen Bildern, dass die Stadt Jerusalem den Bewohnern Grund zum Fröhlichsein geben wird. Wiederaufgebaut, voller Schönheit, glanzvoll, überströmend wie eine Mutter, die mit ihrer Fürsorge und vollen Brüsten den Säugling umhegt. Eine Stadt des Friedens und der Reichtum der Völker wird sich in ihr widerspiegeln. 

Dass eine Stadt nach der Zerstörung und den Spuren des Krieges wieder so aufblühen wird, ist kaum zu glauben. Mir geht es jedenfalls so, wenn ich an Aleppo denke oder an Homs und was von diesen Städten in Syrien übriggeblieben ist. Die geflüchteten Menschen hier bei uns erzählen davon.

Aber wie können wir glauben, dass die Städte wieder schön sein werden? Wie kann das Bild einer blühenden, friedlichen Stadt Trost sein? Trost und Zukunft geben und die Hoffnung stärken?

Der Prophet Jesaja hält daran fest, er verkündet es mit Vollmacht: »Es wird so sein!« »Ihr werdet es sehen!« Es ist Spruch Gottes: »Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet.« 

Das Bild von der Mutter, die tröstet, lässt mich nicht los. Meine Mutter hat mich in den Arm genommen, wenn ich mich verletzt hatte. Sie hat mich, als ich klein war, gestreichelt und liebkost. Sie hat mir zugehört, wenn mir meiner Meinung nach Unrecht widerfahren war. Sie war mit ihrer Liebe und ihrer Zuwendung immer auf meiner Seite. Was nicht heißt, dass sie immer meiner Meinung war. Wir haben auch gestritten und diskutiert. Aber auch da war immer noch ihr Trost: „Es wird alles wieder gut.“

Und darauf habe ich vertraut. Wenn Sie selbst Vater oder Mutter sind, machen Sie es mit Ihren Kindern genauso. Sie schenken ihnen ihre Zuneigung und ihren Trost. Und Sie wissen, mein Kind vertraut darauf, denn es weiß, es sind meine Eltern, die es gut mit mir meinen. Es braucht eine vertrauensvolle Beziehung, damit Trost und Trösten gelingen kann.  

 

Gerade ist es 18 Uhr und die Glocken der Stadtkirche läuten den Sonntag ein. Für mich sind auch das tröstliche Töne. Auch wenn wir morgen keinen Gottesdienst feiern dürfen, so bleibt doch GOTT uns nahe – ja, wie eine tröstende Mutter.

Trost hat mit Vertrauen und Treue zu tun. Nur wenn ich glaube, dass mein Gegenüber es ernst mit mir meint, nur wenn ich ihm oder ihr vertrauen kann, werde ich getröstet, kann ich hoffen, kann ich wieder fröhlich werden.

Ob das Volk Israel damals den Worten des Jesaja vertrauen konnte, weiß ich nicht. Ob sie sich von den Bildern trösten ließen, ob sie glauben konnten, dass Gott es ernst mit ihnen meint? Von Gott her war es klar, Gott war auf dem Sinai eine Beziehung mit ihnen eingegangen. Und er hat den Bund mit seinem Volk nicht aufgekündigt, auch wenn es in den Jahren des Exils und im zerstörten Land so aussehen konnte. Trauten sie also dieser Beziehung? Vertrauten sie darauf, dass es so, wie Jesaja es verspricht, wieder werden würde und sie sich freuen werden mit der geliebten Stadt? 

Vielleicht ist es doch so, wie bei einem weinenden Kind, wenn die Beziehung stimmt, wenn das Kind sich geborgen fühlt in den Armen der Eltern, kann es den Worten »Es wird alles wieder gut« glauben. Und es sind Worte, mit denen Jesaja tröstet, und es sind Gesten, die er beschreibt. Auf den Schoß genommen, auf den Knien liebkost, auf dem Arm getragen, reichlich trinken an der Mutterbrust, - hautnah, leibhaftig und zärtlich – so tröstet Gott. Es liegt an uns, darauf zu vertrauen, zu glauben, an Gott festzuhalten – auch und gerade in der jetzigen Krise. Und es liegt an uns, diesen Trost weiterzugeben an alle, die des Trostes bedürfen.  

 

„Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch“, diese großartigen Worte stammen von Hölderlin, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiert.  Möge Gott Sie und Ihre Familien behüten und beschützen!

Fürbitten

Gott, du Trost der ganzen Welt,

wir kommen zu dir mit unseren Fragen und Sorgen,

mit unseren Ängsten und Zweifeln,

wir bitten dich, schenke uns deinen Trost,

dass wir fröhlich und zuversichtlich auch in dieser Krise unseren Weg gehen.

Wir bitten für die Menschen,

die jetzt krank sind oder traurig oder allein und auf Trost warten, 

dass andere für sie da sind.

Wir bitten dich für die Menschen, die jetzt für andere da sind und an ihre Grenzen

gehen, schenke ihnen Kraft und Zuversicht.

Wir bitten dich für uns, dass wir andere trösten, wo es uns möglich ist,

und solidarisch sind, wo unsere Nächstenliebe gefragt ist. 

Gott, du Trost der ganzen Welt, sei uns nahe, damit wir uns 

– dennoch – auch freuen können.

AMEN.