Zum Karfreitag am 10.04.2020

von Pfrin. Dr. Heidi Buch

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Leser und Leserinnen,

das Kreuz verhüllt, ein Stück in die Ferne gerückt – so mag heute der Karfreitag vielen erscheinen. Unser höchster evangelischer Feiertag ohne Gottesdienst, ohne Abendmahl, ohne Gemeinschaft, die diesen Tag überhaupt erst aushalten lässt.

Und dennoch hat dieses Bild auch etwas Tröstliches für mich, vor dem Kreuz liegt aufgeschlagen die Bibel, - das Geschehen von Karfreitag kommt uns wieder näher und wir wissen, dieses Buch verkündet uns, dass letztendlich das Leben stärker ist als der Tod!

33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
35 Und einige, die dabeistanden, als sie das hörten, sprachen sie: Siehe, er ruft den Elia.
36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme!
37 Aber Jesus schrie laut und verschied.
38 Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.
39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
(Mk. 15,33-39)

Gebet

Christus, Opfer der Menschen,
dessen Schönheit entstellt
und dessen Leib ans Kreuz geschlagen wurde.
Öffne deine Arme weit,
um unsere gequälte Welt zu umarmen,
damit wir unseren Blick nicht abwenden
und uns deiner Gnade überlassen.
AMEN.

O Haupt voll Blut und Wunden

Text: Paul Gerhardt 1656 nach »Salve caput cruentatum« des Arnulf von Löwen vor 1250 Melodie: Hans Leo Haßler 1601; geistlich Brieg nach 1601, Görlitz 1613 »Herzlich tut mich verlangen«

Liebe Gemeindeglieder,
liebe Leser und Leserinnen,

ich sehe immer die Frauen am Kreuz stehen, die den Mut hatten und ein unglaubliches Maß an Liebe und nicht davonrannten. Markus erzählt noch von einer weiteren Person – einem Römer, Hauptmann und Heiden, der am Kreuz stand und die Folterknechte beaufsichtigte.
Ausgerechnet aus seinem Mund kamen die Worte: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Wie kommt er nur zu diesem alles verändernden Satz? - er, der römische Zenturio, ein Mann von der harten Sorte, der es gewohnt war, Menschen leiden zu sehen. Er, der dafür zuständig war, dass eine Hinrichtung seine „Ordnung“ hatte, dieses Ritual von Spott und Gewalt, das offensichtlich dafür sorgte, dass bei den Anwesenden kein Mitleid aufkam. Hass und Lust an der Qual sollten immer nur gesteigert werden und keiner auf die Idee kommen, dass das Urteil ungerechtfertigt oder schlichtweg unmenschlich sein könnte.
Er, der römische Zenturio, ist es gewohnt, Befehle zu empfangen und diese wieder weiterzugeben. Er tut seine Pflicht, hält seine Soldaten in Schach, die Schaulustigen auf innerer Distanz.

Dieses Mal war auf dem Berg Golgatha etwas anders. Meistens bettelte der Gequälte um Gnade und schrie seinen Hass heraus, doch dieser Jesus – schweigt.
Die Vorübergehenden lästerten: „Hilf dir selber, steig herab vom Kreuz“, oder die Hohenpriester: „Er hat anderen geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Wenn er Christus ist, so steige er herab vom Kreuz, damit wir sehen und glauben.“
Der Zenturio schaut zu.
Etwas liegt in der Luft.

Und dann dieser laute, durchdringende Ruf hinein in die Dunkelheit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
„Verlassen“, hallt es in dem Hauptmann nach. Wie viel Beziehung klingt in diesem „Verlassen“ mit. Warum verflucht dieser Sterbende Gott nicht?
Noch einmal kommt bei den Soldaten Spott auf, der Essigschwamm wird dem Verdurstenden gereicht. Aber in ihrem Spott hören wir auch den Zweifel: Gott – wer soll das sein? Vielleicht ruft er doch eher nach Elia? Den Propheten, den kannten sie. Lasst sehen, dann soll der ihn doch vom Kreuz nehmen.
Aber da kommt kein Elia.
Und dann dieser Schrei – laut und durchdringend, mit dem letzten Atem des Lebens. Der Schrei des Gequälten erschüttert die Erde, dringt durch und zerreißt den Vorhang im Tempel.
Was das heißt? Gott ist nicht im Tempel hinter einem Vorhang – sondern: mitten in der Welt, dort, wo das Leid der Gequälten zu sehen und zu hören ist! Gott verbindet sich mit diesem Schrei!
Mit letzter Kraft hatte Jesus seine Liebe zu Gott herausgeschrien: „Mein Gott, mein Gott“, hatte er im Abgrund der Qual gerufen, bevor dieser letzte Schrei alles bis ins Tiefste durchdringt.

Der Hauptmann steht dem Gekreuzigten gegenüber, hat sich ihm genähert und sieht sein Gesicht. Er spürt, wie sich in diesem Leiden alles verbindet, was sonst getrennt ist.
Dunkel und Licht – Tod und Leben – grenzen aneinander und im Grauen kann er Licht und Leben erahnen. Es erreicht ihn die Botschaft, dass die Dornenkrone dem Menschen die Würde nicht nehmen kann. Und so kann er auch den ihn selbst rettenden Satz sagen: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“

So wird das Kreuz zum Symbol der Heilung. Was mit dem Hauptmann geschieht, kann auch mit uns geschehen: Im Anschauen des Kreuzes kommt unser Bild vom Menschen in Bewegung. Die Dornenkrone wandelt sich in die Botschaft, dass auch aus unseren tiefsten Wunden die heilende Verbindung zu Gott wächst, wie es im Kreuz Christi sichtbar geworden ist.

Fürbitten

Kreuz

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Jesus Christus,
du hast die Kreuze unseres Lebens
auf dich genommen
und diese Welt gezeichnet mit deiner Liebe.

Hilf uns unser eigenes Kreuz zu tragen.
Bewahre uns vor Gleichgültigkeit
und rühre unser Herz an,
wenn ein fremdes Kreuz uns ruft.

Gib uns Kraft, dem Tod nicht zu glauben
und Leiden zu bekämpfen.
Überlasse die Toten nicht unserem Vergessen
und denke der Opfer und der verlorenen Worte.

Das Geheimnis des Glaubens lass uns erfahren,
dass das Dunkel des Todes der Ort ist,
wo wir auf Licht warten.
AMEN.

-STILLE-

Segen

Die Kraft des Sterbens Jesu
komme über uns
und heile unsere Angst.
Die Kraft der Liebe
erlöse uns von unserer Selbstgerechtigkeit.
Die Kraft seines Glaubens
berühre uns.
AMEN.